Die Geschichte dieses Drahtesels ist auch eine Biografische: Zu Beginn meines Studiums hörte ich mit großer Begeisterung die Vorlesung zur Tragwerkslehre im Fachbereich Architektur. Besonders gefielen mir die gezeigten Beispiele für leichte Tragwerke, die mit wenig Materialeinsatz präzise ihre Aufgaben erfüllten. Diese Konstruktutionen regten meine Fantasie an. Ich bemerkte, wie sich meine Wahrnehmung veränderte und ich sozusagen „automatisch“ damit begann meine Umwelt nach Kräfteverläufen abzuscannen. Wo wirkten Druck- und Zugkräfte, wo Torsion und Biegemomente? Könnte dieses, oder jenes Bauteil nicht viel schlanker ausgestaltet werden? Was würde passieren, wenn man es wegließe?
Als großer Fahrradfan warf ich meinen neu geschulten Blick natürlich auch auf meine Lieblingsmaschine – das gute alte Vélo. Und siehe da, hier war ein super Übungsbeispiel gefunden. Ein klassischer Fahrradrahmen lässt sich kaum mehr vereinfachen, stellt vielleicht – aller modischen Abweichungen zum Trotz – bereits eine Art Idealform dar, aber trotzdem ließen sich hier einige für mich interessante Überlegungen anstellen.
Gleichzeitig übten auch die neu gewonnenen Möglichkeiten in den Werkstätten der Kunstakademie großen Reiz auf mich aus. Eine Idee ist etwas schönes, ihre Materielle Umsetzung, ihre experimentelle Überprüfung und ästhetische Veranschaulichung beflügelt und motiviert aber umso mehr.
Aus diesen Umständen heraus ist der Drahtesel also als kleines, freies Stehgreifprojekt zu Beginn meines Studiums entstanden. Er ließ sich gut fahren, diente mir als Anlass schweißen zu lernen und ging irgendwann, während meines Auslandssemesters verschollen. Ich hoffe es geht ihm gut.